»... ob ich gleich der Mittelalterlei keineswegs günstig bin, so mag ich doch gern ihren Geist und Geschmack alsdann walten lassen, wenn von Dingen die Rede ist, die sich dort herschreiben. Dies ist nun gerade das Wappen!«
Goethe
Selten hat sich ein Phänomen Jahrhunderte hindurch so gleichbleibend behaupten können, um sich heute wieder zunehmender Beliebtheit zu erfreuen.
Im Verlauf der Kreuzzüge durch den Kontakt des Abendlandes mit dem Orient entstanden, ehemals Bestandteil der ritterlichen Bewaffnung, wurden sie zum Symbol für Würde und Macht, zu erblichen Familienemblemen, zum Rechtsgegenstand, schließlich zur willkommenen Möglichkeit fürstlicher und staatlicher Geldeinnahme sowie zum Objekt für Malerei und Skulptur, das im Verlauf der Jahrhunderte alle Stilentwicklungen der europäischen Kunst mitmachte.
Heute erfreut es sich zunehmender Beliebtheit:
Das Wappenwesen und die daraus resultierende Wappenkunde, die seit etwa 300 Jahren auch als Heraldik zum feststehenden Begriff geworden ist. In den letzten Jahrhunderten des europäischen Mittelalters entstanden Wappen als charakteristische Embleme und wurden festgelegt in ihrer äußeren Gestalt, auf den ritterlichen Schild als Hauptträger des farbigen Symbols, auf Helm, Helmdecke und Helmzier. Und wiederum mußte eine Zeit vergehen, bis diese Wappen an eine Person, eine Familie oder ein Land gebunden und als dauerhafte Symbole auch erblich wurden.
Der berühmte »Teppich von Bayeux«, der wohl um lo8o entstanden ist, hat die Eroberung Englands 1066 festgehalten. Schauen wir uns einmal die Krieger in ihren Kettenhemden, den Spitzhelmen mit den Nasenschienen und ihren langen normannischen Spitzschilden genauer an, so finden wir hier noch keine heraldischen Verzierungen, etwa farbige Embleme, kräftig und von geringer Zahl, geometrischer oder darstellender Form. Wimpel und Banner sind eher als Zierat zu sehen. Das Kreuz auf Wilhelms Banner erinnert an einen Reformpapst, der diesen Feldzug mit seinem Segen begleitete. Für das Entstehen des Wappenwesens bietet der »Teppich von Bayeux« also einen Terminus post quem,- vor dem wir nicht von Wappen sprechen können.
Spätestens nach dem dritten Kreuzzug verwenden die Kreuzritter erstmals Siegel, auf denen der mit allen Stücken gerüstete Ritter zu sehen ist, das Bein stramm in den Steigbügel gestellt, den Schild in der Linken haltend und mit der Rechten ein Schwert oder die Lanze mit dem Gonfanon schwingend. Solche frühen Wappensiegel sollen hier exemplarisch angeführt werden: Ein Reitersiegel Heinrichs des Löwen von 1161 zeigt den Herzog von Bayern und Sachsen noch im altertümlichen Spitzhelm mit Nasenschutz, dem Spitzschild, von dessen Schildbuckel strahlenförmige Verstrebungen zu den Seiten hinlaufen. Zwanzig Jahre später finden wir jedoch schon den Löwen als persönliches Siegelbild. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Auf dem Siegel Philipps von Elsaß, Graf von Flandern, aus dem Jahre 1168 zeigt das Schildbild zum ersten Mal eine Tierdarstellung, den aufgerichteten Löwen, der bis heute das Wappentier Flanderns und des heutigen Königreichs Belgien geblieben ist.
In den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts ist es bereits gang und gäbe, einen Wappenschild zu tragen: Hermann, Landgraf von Thüringen, führt einen Löwen im Schild auf seinem Reitersiegel von 1209; Heinrich, Herzog von Schwaben, im Siegel um 1216 die drei übereinanderschreitenden Löwen, die wir noch heute im Wappen des Landes Baden-Württemberg wiederfinden ; oder Otto II., Herzog von Bayern, trägt als Reiter im Siegel um 1230 die Schildfigur des alten Bayerischen Löwen.
Während in der Antike sich die einzelnen Völker bei kriegerischen Auseinandersetzungen anhand von unterschiedlicher Ausruestung und Kleidung unterschieden, wurde dies im feudalistischen Europa des Mittelalters schwieriger.
Den Körper gänzlich verdeckende Rüstungen erschwerten ein Wiedererkennen von Freund und Feind ...